Austauschbarkeit und Dekolleté – Implikationen sexualisierter Alltagsmode

Innerhalb der Semantik der Kleidung bedeutet das Dekolleté Anspruch konformistischer Durchsetzung. Wie Feministen zu Recht artikulierten, entsubjektiviert sich die Trägerin von Push-up-BH und Ausschnitt in der Kommunikation mit Männern durch offensive sexuelle Reizsetzung. Allerdings verkennen Feministen dabei, daß diese Entsubjektivierung durch offensive Reizsetzung für die Frau keineswegs degradierend ist. Das Gegenteil ist der Fall. Das Dekolleté installiert seine Trägerin als machtvolles Zentrum eines teils selbstreferentiellen Kommunikationsverhaltens, das stets das Konforme einfordert. Die Entsubjektivierung qua Dekolleté ist für die Frau ein lukratives Geschehen.

Es ist seit Jahren zu beobachten, wie sehr sich die Alltagsmode geschlechtsreifer heterosexueller Frauen an der Arbeitskleidung von Huren orientiert. Die Ausstellung der jeweiligen Geschlechtsmerkmale durch Engführung des Schnitts, Transparenz oder gar Fehlen von Stoff dokumentiert eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses und eine allumfassende Tendenz gesellschaftlicher Gleichschaltung. Das Dekolleté ist Teil einer omnipräsenten Kommunikationsmechanik, die nicht hintergehbar scheint.

Interessanterweise behauptet sich gerade die Prostitution zugleich als grundlegende Irritation wiewohl auch Bestätigung dieser Mechanik, indem sie die eigentlichen Verhältnisse und Motivationen offenlegt und so die üblichen Intimitäts-, Liebes- und Partnerschaftsvorstellungen gefährdet. Denn die Prostitution weist die Superiorität des Geldes klar aus. Damit egalisiert sie nicht nur die Freier, die nicht ob ihrer Persönlichkeit, sondern nur dank einer finanziellen Transaktion zum Beschlafen zugelassen werden, sie macht damit auch deutlich, was Grundlage des Intimdiskurses ist: der Besitz. Die Prostituierte demonstriert dabei gleichsam die Vormacht des Objektes durch das Gewähltwerden. Mag sich der Freier im Akt der Wahl noch in der mächtigeren Position wähnen, so verkehrt sich dies spätestens im Akt des Kontraktes. Die Hure als Dienstleisterin ist der bestimmende Akteur im sexuellen Vollzug. Sie übersetzt die jeweiligen Vollzugspraxen in Preise, unabhängig von Stellung, Attraktivität etc. des Freiers. Der Freier befindet sich aber damit, wenngleich ihm dies oftmals nicht bewußt ist, im Zustand narzißtischer Kränkung. Er bezahlt die Hure mit Geld und dem Gefühl eigener Austauschbarkeit.

Das Gefühl der Austauschbarkeit ist allerdings ambivalenter Natur. Denn Austauschbarkeit heißt nicht nur Gleichgültigkeit der Freier, sondern auch deren permanente Möglichkeit sexuellen Verkehrs. Insofern Prostitution die Vormacht des Geldes behauptet, ist sie umfassend antidiskriminierend. Ihre Inanspruchnahme setzt einzig die pekuniäre Potenz voraus.

Die Prostitution entspricht so durchaus marktwirtschaftlichen Prinzipien. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Die Hure operiert kapitalismuskonform. Der Rest ist unerheblich. Damit torpediert sie aber landläufige Vorstellungen. Die Möglichkeit, daß ein dickleibiger bierschwitzender Arbeitsloser für 50 Euro eine attraktive Frau beschlafen kann, empört, weil sie jahrelang eingeübten Realitätskonstruktionen anscheinend zuwider läuft.

Die Käuflichkeit, d.h. die Korrumpierbarkeit durch Geld, hat einen schlechten Ruf, obschon dies Grundlage der gesamten Arbeitswelt ist. Das Movens Geld zu verdienen ist der Besitz, der zur Illusion der Selbstmächtigkeit führt. Das Eigentum stellt den Eigentümer in seiner gesellschaftlichen Potenz aus. Dabei muß das Eigentum in seinem Wert immer kommunizierbar bleiben.

Betrachtet man die Relation von Besitz und Kommunizierbarkeit bei der Partnerschaftsanbahnung, tritt eine bedeutende und zugegebenermaßen banale Erkenntnis zu Tage. Das Dekolleté weist durch die Verstehbarkeit des Reizes seine Trägerin als hinreichendes Sexualobjekt aus. Aber, und das ist entscheidend, bedeutet dieser Ausweis zugleich wiederum Austauschbarkeit. Die Attraktivität orientiert sich an Standards. Die schöne Einzelne gibt es nicht. Schönheit ist eine manipulierte Mehrheitsentscheidung. Das Dekolleté reduziert die Frau zur Frau.

Entscheidend daran ist aber, daß diese Reduktion keinesfalls Gleichmut, sondern Begehren zur Konsequenz hat. Insofern der tiefe Ausschnitt, der kurze Rock, die Highheels permanent und penetrant sexuelle Vollzugsbereitschaft evozieren, etablieren sie eine beständige sexualisierte Kommunikationssituation, die weit diffiziler ist, als vormals im Bordell.

Die allgemein als attraktiv bewertete Frau (hier gibt es allerdings durchaus Milieuunterschiede) verlangt ob des Outfits einen enormen Anpassungsaufwand. Sie wird nicht zuvorderst aufgrund pekuniärer Transaktion beschlafen, sondern aufgrund einer Entsprechung ihrer Standards. Dabei ist zu konstatieren, daß diese Standards nicht etwa origineller sondern allgemeiner Natur sind. Die im sexuellen Vollzug und wohl auch sonst austauschbare Frau verlangt durch die Einforderung von Standards den Ausweis der Austauschbarkeit ihres möglichen Begatters. Bestimmend ist die gesellschaftliche Attraktivität, d.h. die Anerkenntnis, die Kommunizierbarkeit des Wertes. Das Eigene, das Unverwechselbare, das Abweichende sind somit eben nicht die Bedingungen für den geschlechtlichen Verkehr. Es ist das Anpassungsgeschehen, es ist das Erfüllen der Standards. Wer ficken will, muß den in der Werbung artikulierten Maßstäben entsprechen.

Das Dekolleté als Teil einer normativ-repressiven Durchsetzung macht dies im Übrigen sehr schnell deutlich. Es soll sowohl wahrgenommen als auch ignoriert werden. Die Trägerinnen verlangen zugleich männliches Begehren und Zurückhaltung, sie verlangen schlicht eine Kulturleistung, die dann irgendwann vielleicht mit Sex vergolten wird.

Eigentum ist die Verdeckung der eigenen Kontingenz. Den Standards zu entsprechen schafft zwar Affirmation, bedeutet aber Austauschbarkeit. So kann das Konzept der Partnerschaft, die das gegenseitige Besitzen illusioniert, nur amüsieren. Kontingenz kompensiert man durch kontingente Partnerwahl. Die Kommunikation und die Kommunizierbarkeit des Partner-Besitzens werden zur wichtigen Grundlage sexueller Organisation. Die besitzanzeigenden Fürwörter meine (Freundin/Frau) und mein (Freund/Mann) garantieren die Illusion des Besitzens und verschatten dessen Zufälligkeit.

Die Möglichkeit der Prostitution ist für dieses sensible weil blödsinnige Konstrukt eine enorme Gefährdung, stellt sie ja, wie oben erwähnt, die grundlegende Austauschbarkeit schon fest. Ferner kennzeichnet sie den sexuellen Vollzug als einen banalen Akt des Begehrens, währenddessen er außerhalb des Bordells zum diffusen, geheimnisvollen, persönlichkeitskonstituierenden Pseudoseinsgrund erhoben wird. Die Prostitution gefährdet durch Verzicht und zeigt durch ihr Bestehen die Absurditäten zwischengeschlechtlicher und partnerschaftlicher Interaktion, indem sie eben Liebe, Vertrauen und ähnlichen Firlefanz für den Vollzug nicht einfordert. Sie demonstriert, daß Sex billig ist und in keiner Weise mit dem gesamtgesellschaftlichen Bohei korrespondieren muß.

So ist das Schimpfwort der billigen Nutte auch folgerichtig. Sex ist eine Frage des Preises. Partnerschaftlicher Sex verlangt Aufwand, Mühe, Zeit, Geld und ist nur über Anpassung zu haben. Er bleibt durch die Dominanz gesellschaftlicher Forderungen und deren Entsprechung kränkend. Er ist selten transgressiv und dient nur kurz zur ichstabilisierenden Befriedigung.

Die Permanenz der Reizsetzung ist somit hinsichtlich der normativen Durchsetzung konsequent. Die alltägliche Hurenkleidung domestiziert und fordert ein. Das Dekolleté operiert werte- und standardkonform und weist seine Trägerin als darin bestätigt aus. Es ist Teil eines beständigen Manipulationsgeschehens, das weite Teile der Lebenswelt bestimmt. Aus der Simplizität sexuellen Begehrens entstand ein Popanz sexualisierter, konformistischer Konsumkultur, die in ihrer banalen Potenz geeignet ist, gänzlich zu kontaminieren.

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