Nymphenliebe – Anmerkungen zu Stanley Kubricks „Lolita“

Zweierlei steht fest: ein erwachsener Mann sollte wohl nicht mit einem minderjährigen Mädchen (und wohl auch mit keinem minderjährigen Jungen) vögeln, und er sollte niemanden erschießen. Das Ende Humbert Humberts macht dies klar und betrachtete man den Plot des Filmes, wie auch die Romanvorlage, aus der kaum zu erschütternden Perspektive bürgerlicher Gewißheit, so ließe sich feststellen, daß dies der Fall ist. Humbert geht in den Knast, Quilty wird erschossen und Lolita bekommt ein Kind, ist verheiratet und zieht nach Alaska. Daß die etwas lüsterne Haze nun durch den Schock der Lektüre von Humberts Tagebuchaufzeichnungen unglücklicherweise überfahren wird, ist nicht schön, aber freilich trauert man auch bei ihr nicht zu sehr, und das hat seinen Grund, schließlich ist Haze in ihrer zwar karikierten und gerade dadurch eindeutig indentifizierbaren bürgerlichen Verfaßtheit sinnbildliches Paradigma für die Notwendigkeit der Liebe Humbert Humberts zu Lolita.

Haze, Witwe, Hausfrau, Mutter, Mitglied eines Buchclubs, aktiv in der Kirchengemeinde und Hausbesitzerin ist der Prototyp der diffizilen Konfiguration konventionsbejahender Gehemmtheit oder schlicht gesagt: der bürgerlichen Funktion. Es ist nicht nötig Sigmund Freud in extenso zu referieren, um die Grundlagen hierfür beschreiben zu können. Egomanische Triebbefriedung wird in zivilen Gesellschaften durch Gesetz, Konvention, Erziehungen (im weiteren wird dies als bürgerliche Überformung bezeichnet) soweit gehemmt, daß die jeweiligen Individuen zu einem nützlichen Teil der Gesellschaft werden, damit den Gesetzen und den Aufgaben der Gesellschaft folgen und so eine berechenbare Funktion innerhalb der Gemeinschaft haben. Nach Freuds Sublimierungstheorie gelingt das auch zumeist insofern, als daß Gesellschaften immer Möglichkeiten narzißtischer Befriedigung bieten (Familie, Bordell, Kunst). Wie prekär aber diese Organisationsform individueller Triebhemmnis ist, zeigt sich an Haze. Ihr ermangelt es an Befriedigungsmöglichkeiten, sie ist Hausfrau, von ihrer Tochter wird sie nicht geliebt, sie hat nichts zu tun, außer sich permanent in dem Gefängnis ihrer Hemmungen aufzuhalten. Gelungene Sublimierung gibt es hier kaum. Sie ist lüstern und kann nicht ficken. Humbert Humbert kommt ihr hier gerade recht. Die Ehe ist der durch gesellschaftliche Notwendigkeit geschaffenen Raum der gehemmten Enthemmung, der organisierten Triebabfuhr. Damit scheint sie für Haze eine Möglichkeit zu sein, ihre innerpsychische Bedürfnislage mit bürgerlichen Verhaltensnormen in Übereinstimmung bringen zu können.

Aber wir wissen, die Motivationen Humberts sind andere, das Projekt muß scheitern, da die sexuelle Organisation scheitern muß.

Man kann sich freilich streiten, ob im Hinblick auf die Beziehung Humberts zu Lolita von Liebe oder Obsession gesprochen werden kann. Die Diskussion ist allerdings müßig, sind doch beiderlei Begriffe in ihrer jeweiligen Konnotation tendenziös und umschreiben damit moralische Qualifizierungen, die der Struktur des Qualifizierenden entsprechen. Festzuhalten ist: Humbert Humbert hat Sex mit Lolita, hat fundamentale Verlustängste, Erziehungsneigungen, Fasziniertheitsaugenblicke etc. Den Raum des Poetischen betretend, könnte man sagen, er ist von ihr gefangen. Daher ist es zunächst widersinnig den Begriff des Pädophilen überhaupt einzuführen. Vielmehr muß betrachtet werden, weswegen es für die Handlungslogik notwendig ist, Lolita in diesem Alter zu figurieren.

Lolita wird von Humbert als vulgär und kindlich beschrieben, als Nymphe. D.h., sie erscheint sexuell aufgeschlossen bis fordernd und zugleich infantil. Infantilität beschreibt im bürgerlichen Sinne aber wiederum nichts anderes, als daß der Prozeß der konventionellen Überformung noch nicht zum Abschluß kam. Lolita ist damit noch nicht vollständig determiniert und eignet sich damit wie keine zweite zum Liebesobjekt.

Setzt man das narzißtische Dilemma als Grundlage für Liebesbeziehungen voraus, so offenbart sich das Faszinierende an Lolita. Sie ist als Objekt narzißtischer Befriedigung ideal, denn sie ist nicht nur Objekt, sondern handelndes, vulgäres, infantiles, egozentrisches Liebes-Subjekt. In jedem Moment ihrer Zuneigung wird Humbert in narzißtische Ekstase versetzt, da Lolita eben nicht determiniert, verpflichtet oder überformt erscheint, ihre Zuneigung somit für ihn auch nicht erwartbar und berechenbar ist, sondern frei von ihr ausgeht. Die Nymphe Lolita ist der Idealtypus des nondeterminierten Liebesobjekts und damit eben auch hoch kompliziert, denn sie ist nicht kontrollierbar, ihr Zuspruch ist spontan und damit authentisch. Die Nymphenliebe ist so die archaische, eine ursprüngliche Form eines narzißtischen Bezug- und Triebsystems, das zivile Gesellschaften zu unterbinden versuchen.

An sich wäre die Sachlage somit klar und das Problem erledigt. Aber durch das Verhältnis Quiltys zu Lolita erfährt der Plot eine weitere Ebene. Lolita ist nicht Nymphe, sie zeigt sich nur als solche. Sie ist berechnend und nicht spontan, sie ist manipulativ und nicht authentisch. Sie versteht ihre Außenwelt und spielt mit ihr, sie ist ein Vamp. Um die Liaison mit Quilty zu erreichen, prostituiert sie sich und prostituiert Humbert. Und als sie erkennt, daß für Quilty letztlich tatsächlich nur die sexuellen Motivlagen bestimmend sind, flüchtet sie sich in das ärmliche Heim der spießigen Konvention. Quilty als Instanz ihrer narzißtischen Behauptung wird sie dabei nicht vergessen, somit ist sie schließlich ein Spiegel ihrer Mutter.

Daß der Film ob der Ermangelung sexueller Handlungen zutiefst prüde ist, demaskiert den Rezipienten in seiner Triebhaftigkeit. Die Prüderie ist ein Kunstgriff, der zeigt, was dem Zuseher fehlt und was ihm Lust machen würde, nämlich den explizit sexuellen Handlungen an Lolita wenigstens rezeptiv beizuwohnen.

Damit jedoch offenbart die Konvention und auch der Gesetzgeber opportune Willkür. Intellektuell und moralphilosophisch ist es kaum plausibilisierbar, weswegen der sexuelle Vollzug mit geschlechtsreifen Minderjährigen zu disqualifizieren ist. Die Voraussetzung beiderseitigen Einverständnisses war bei Lolita gegeben und dennoch darf sie keine Rolle spielen. Erst nach Vollendung der bürgerlichen Überformung gelten Individuen als selbstbestimmt, doch genau das Gegenteil ist wohl der Fall.

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