Das Magere und das Fette – Bemerkungen zum weiblichen Körper in der Konsumgesellschaft

Die Existenz ist eine Fülle, die der Mensch nicht verlassen kann.“ (Sartre: „Der Ekel“)

Das bizarre Hungerhakengesteltze vierer jeglichem weiblichen Reiz beraubter Leiber unter der Aufsicht Heidi Klums, der zynisch geldgeilen Domptöse von Germanys next Topmodel, fand in Mannheim ein jähes Ende. Statt einer Bombendrohung hätte es aber eines akuten Brech-Durchfalls bedurft, um die dreist-plumpe Selbststilisierung Klums nach 10 Jahren GNTM endlich zu beenden.

Dazu kam es nicht. Das Finale wurde in New York wiederholt, irgendeine der Finalisten trägt jetzt den belanglosen Titel der Sendung und darf weiterhin auf eine vollständige Entmündigung hoffen. Wenn sie Glück hat, sitzt sie in Jahren bei nur bedingt relevanten Castings herum und ist mit mäßig intellektuellen Fußballspielern liiert (wie dereinst Lena Gercke) oder aber sie verschwindet alsbald in der Versenkung ihrer Bedeutungslosigkeit. Was bleibt, sind jedenfalls die tollen Photos.

Es ist leider nicht zu leugnen, daß GNTM seit Jahren gerade von Mädchen und jungen Frauen mit großem Interesse verfolgt wird, was kaum mit der überbordenden Spannung der Sendung oder mit den immensen Reflexionsneigungen ihrer Protagonisten zu tun haben wird.

GNTM zeichnet ein Bild von Frau-Sein, das mit dem gesellschaftlichen Anforderungskatalog erstaunlich korrespondiert. Zu Beginn der Final-Show aus Mannheim stehen die vier Damen in objektiv geschmacklosen Hosenanzügen auf der Bühne, begrüßen das Publikum, recken die Arme in die Höhe, umarmen sich und lächeln als wären ihnen vor Bedeutsamkeit die Synapsen durchgebrannt. Was zu sehen ist, sind junge Frauen, mit jungen mageren Körpern, langen Haaren (schließlich will auch die Shampooindustrie Geld verdienen) und einer Namenskette vor der Brust. Wer Modells je mit Attraktivität, Schönheit oder Charisma in Verbindung brachte, weiß nun, er saß einem Irrtum auf. Die Frauen oder, wie sie in der Show durchgehend genannt werden, „die Mädchen“ sind dünn und austauschbar. Ihre Körper sind auf Reizlosigkeit getrimmt. Sie sind nur noch bewegliches Füllmaterial für die zu tragende Haute Couture. Auch die Gesichter, bis zur Makellosigkeit geschminkt, sind nichts als bewegliche Flächen von sich wechselnden Desingnerbotschaften. So ist es auch konsequent, daß die vier Damen, nachdem Heidi Klum, die Patronin der Sendung, mit großem Pyrogewese aus 15 m Höhe auf die Bühne schwebte, ihre „Kunst“ bei einem sogenannten Dolls Walk zeigten, einem Lauf also, bei dem sie sich als Puppen inszenierten, was leicht fiel, weil sie eben Puppen sind. GNTM degradiert junge Frauen zu bloßen Objekten, die den Forderungen der Jury genügen, ihr Urteil akzeptieren und so zum Einkommen Klums erheblich beitragen. GNTM sucht ja nicht ein Topmodel, sondern Werbung. Es geht ums Geld, nicht um die Frauen.

Problematisch ist es, weil es funktioniert. Es funktioniert, weil es gesellschaftlich en vogue ist. GNTM befindet sich exakt in der Schnittstelle von Körperkult und Konsum. Besser formuliert: GNTM expliziert weite Teile einer kapitalistischen Körper- und Leistungsethik.

Das Magere und die Forderung nach Magerkeit ist hierbei von herausragender Bedeutung. Magere Körper sind einförmig, kurvenlos, gleich konturiert, alle ähnlich. Sie verschwenden kein Material, sie minimieren Kosten, und sind günstiger zu transportieren. Die Magerkeit garantiert das Objektsein des Modells, weil es keine identitätsstiftenden Vorzüge oder Mängel zuläßt. Die Magerkeit macht das Modell zum austauschbaren Befüllmaterial, eben zur Puppe.

Die Schlankheitsforderung aber ist omnipräsent und nicht nur bei Models gegeben. Sie ist Ausdruck einer sich verstärkenden Körper- und Lustfeindlichkeit. Der magere Körper in seiner Reduzierung weist die Frau als permanent diszipliniert aus. Bei ihr gibt es keine Völlerei, und wenn, wird aus Disziplingründen auch schnell wieder erbrochen. Sie kann mit Hunger leben, weil sie sich selbstgewiss dem gesellschaftlichen Diktat unterwirft. Sie reduziert ihre Nahrungsaufnahme und damit auch die ach so störenden Defäkationsverrichtungen auf ein Minimum. Sie hält ihre sexuellen Reize für dann relevant, wenn der Push-Up an bleibt. Kleidung und Kosmetik, d.h. Dekor, sind ihre Stabilisatoren. Ihr Körper ist nicht mehr Mittel der Lust, sondern der Entsprechung. Sie besitzt ihren Körper nur insofern, als sie ihn den konsumtiven Anforderungen preisgibt. Nackt ist sie lieber im Dunkeln.

Auch fette Frauen haben Probleme. Ihr Anblick verursacht häufig Abscheu, Ekel, Aggression. Denn Fettheit zeigt die Kehrseite der Konsumgesellschaft. Ihre degenerierte Exuberanz demonstriert das immerwährende Zuviel. Sie konfrontiert mit dem grundlegend Absurden im Sinne Sartres. Wo so viel Fett ist, ist kein Sinn mehr. Wer so fett ist, ist sinnlos fett. Fette Menschen stellen die Sinnfrage, die in Konsumgesellschaften nicht gestellt werden darf.

Und sie zeigen ferner, wie haltlos verführbar der Mensch ist, wie er sich mästen kann, aus Disziplinlosigkeit, Frust oder Lust am Essen.

Eine Konsumgesellschaft, die auch mit Attraktivitäts- und damit Glücksversprechen operiert, kann Fettheit nicht dulden, insbesondere fette Frauen nicht, sind Frauen bis heute ja Hauptobjekt des Schönheitsdiskurses. Das Fette zeigt die Konsequenz des Konsums. Es zeigt, daß Konsum nicht glücklich macht, sondern daß das Scheinglück darin besteht, als Konsument affirmiert zu werden. Bei fetten Frauen hilft keine Schminke und kein Collier, das Übermaß und Absurde zu verdecken.

Sie bleiben Garanten für Wurzelerlebnisse, wie sie Roquentin in „Der Ekel“ macht.

Hoffende Konsumenten können derlei nicht dulden, sie reagieren mit Abscheu und Aggression.

Denn Fettsein bedeutet keine Leistung, sondern die Verweigerung von Leistung.

Es ist der penetranteVerweis auf die Alternative zum Leistungsethos, und damit zum Mageren. Fettsein heißt heute: schuldhaft zur Unterschicht gehören.

Dieser Befund ist aktuell und wird sich verschieben. Im Zuge einer weiteren weltweiten Verfettung der Industriestaaten, ist zu vermuten, daß sich diesbezügliche Assoziationen ändern. Sofern die Konsumgesellschaft alternativlos geworden ist, wird sie auch die Sinnfragen tilgen oder ignorieren können. Wer schon einmal die Selbstverständlichkeit amerikanischer Wohlstandsmoppel bemerken durfte, wird erkennen, daß schließlich Wohlständigkeit die Attraktivitätsmuster bildet. Sowohl Magere als auch Fette zeigen, wie sehr der Körper ökonomistischen Prinzipien unterworfen ist. Der Körper ist zusehends weniger ein Mittel zur Lust, er generiert zum bloßen Mittel der Normierung, das verstoffwechseln kann.

Auch in diesem Jahr wird Heidi Klum eine verstoffwechselnde Puppe küren. Sie wird genauso stelzen, hoffen, lächeln. Die Emanzipation endet eben dort, wo Klum auftaucht.

Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall.“ (Sartre: „Der Ekel“)

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